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Unterwegs durch Europa

Da die Schwester einer Bekannten gerne an Gewinnspielen teilnimmt, bin ich eines Tages kostengünstig an eine Reise durch Österreich, Italien und die Schweiz gekommen.

Es war eines dieser Gewinnspiele, bei denen man ankreuzen muß, welche der drei Antworten richtig ist. WENN man die richtige Antwort weiß, steht als Ergebnis ein Buchstabe da, welchen man dann, ebenfalls in richtiger Reihenfolge, in Kästchen eintragen muss. Wenn alles klappt, kommt ein Wort dabei heraus. "Wein", "Urlaub" oder auch ein exotischer Ländername wie Dänemark. Je nach Schwierigkeitsgrad des Rätsels.

Die Schwester war ungewöhnlich erfolgreich bei der Ausübung ihres Hobbys. Neue Bettwäsche wurde nicht gekauft, sondern gewonnen. Leider hatte sie beim Ausfüllen des letzten Gewinnspiels nicht darauf geachtet, dass im gleichen Zeitraum die Konfirmation ihres Sohnes anstand. Ich persönlich kann jedes Gewinnspiel bedenkenlos mitmachen, außer stündlichen Informationsanrufen zwischen 17-21Uhr habe ich noch nie etwas gewonnen. Da ich Zeit hatte, wurde ich beauftragt, an der gewonnenen Reise teilzunehmen. Eine Bustour quer durch Europas schönste Städte und Landstriche. So klingende Namen wie Seiser Alm, Mailand und Zürich standen in der Reisebeschreibung. Reiseunerfahren wie ich bin, hat mich das Programm: knapp 2500 Kilometer in 4 Tagen mit Besichtigungen, Einkaufsbummeln und dem kennenlernen verschiedener Kulturen (Südtirol und die Kastelruther Spatzen, den Mailänder Dom, die malerische Alpenlandschaft von Norditalien)  nicht stutzig gemacht. Außerdem freute ich mich über einen Tapetenwechsel, ganz gleich, wohin es ging.

Mit gepacktem Rucksack (was braucht man schon für vier Tage?) standen wir am Bahnhof und warteten gemeinsam mit den anderen Gewinnern auf den Bus. Meine Freundin hielt bis zum Einstieg die Hand ihres Mannes, umringt von den drei halbwüchsigen Kindern. Ich stand daneben und wippte aufgeregt mit den Füßen. Nachdem Gepäck und Reisende im Bus verstaut waren, ging die Reise los. Verwandte, Bekannte und zufällig vorbeikommende Passanten winkten uns hinterher und waren froh, nach Hause gehen zu können. Wenige Minuten nach der Abfahrt erreichten wir die Autobahn und bekamen die ersten Sehenswürdigkeiten zu Gesicht.

Die Gegend neben der Autobahn quer durch Deutschland besticht durch den Blick auf Mischwälder, Groß - und Kleinstädte mit Hinweisschildern auf Sehenswürdigkeiten abseits der Autobahn und in regelmäßigen Abständen aufgebauten Raststätten. Am Ende des ersten Tages hatten wir Südtirol erreicht und wurden in einem Hotel zwischengelagert. Das Hotel stand in der Mitte eines Autobahnkreuzes und war mit einem großen Parkplatz, viel mediterranem Flair und deutschsprachigen Angestellten ausgestattet. Da die meisten Mitglieder unserer Reisegruppe schon vor längerer Zeit den 60. Geburtstag gefeiert hatten, dauerte das Aussteigen länger als die Fahrt von München nach Bozen. Lautes Knacken von Knochen hing in der Luft, als ich endlich an der Reihe war auszusteigen. Zum Durchatmen blieb keine Zeit, wir wurden von einem Reiseführer und seiner Assistentin im großen Aufenthalts / Frühstücksraum des Hotels erwartet. Mit einem kurzen aber bunten Programm stimmte man uns auf die kommenden Genüsse der Reise ein. Ein Diavortrag zeigte uns, wo wir alles gewesen sein würden nach Ablauf der Reisezeit. Der Reiseführer, ein stark gebräunter Mann mit viel God an Handgelenk und Hals, hüpfte zwischen den Tischen an denen wir saßen herum und weckte mich immer wieder auf.

Nach dieser Einführung in die Genüsse, denen wir in den nächsten Tagen begegnen sollten, wurden wir eiligst wieder in den Bus gebeten. Mit dem Versprechen auf ein frühes Abendessen fuhr der Bus in Richtung Sospirolo auf die Autobahn. Es war etwa 16 Uhr, als wir zwischen Steilwänden in verschiedenen Grautönen durch die Landschaft unsere Reise fortsetzten. Das Hotel, das der Veranstalter für uns gebucht hatte, lag auf einem sehr hohen Berg in einem Dorf, das aus drei Häusern und einem Kiosk bestand. Wir erreichten unser erstes Ziel gegen 23 Uhr und wurden von der Besitzerin begüßt, die uns mit grimmiger Mine mitteilte, das es jetzt nicht mehr möglich sei, uns Nahrung zu Verfügung zu stellen. Wir begaben uns auf unsere Zimmer und wuschen uns den grobkörnigen Staub vom Gesicht. Wer dann noch Kraft hatte, nagte am mitgebrachten Proviant und sah sich im Fernseher an, ob die Welt sich weiterdrehte. Ich rollte mich im Bett zusammen und bekam einen akuten Anfall von Hospitalismus.

Der nächste Morgen begann mit einem liebevoll zurechtgemachten Frühstück, bestehend aus einem Brötchen, zwei Scheiben Schinken, einer Scheibe Käse und einer Tasse Kaffee. Wer wollte, hatte die Möglichkeit, sich ein Glas Leitungswasser zum Schnäppchenpreis von 2 Euro zu bestellen. Nach dem Frühstück hatten wir die Gelegenheit, den Vormittag nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Die Busse in die nächste Stadt fuhren regelmäßig einmal am Tag aus der Ortschaft hinaus und einmal hinein. Also vergnügten wir uns mit Spaziergängen, die wir allerdings nur rund um das Areal des Hotels abhielten, aus Angst uns zu verlaufen. Am Nachmittag fuhren wir mit dem Bus wieder durch die Landschaft, auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten. Falls wir etwas fanden, habe ich nicht aufgepasst, denn ich kann mich an keine Kirche/ Museum / Mosterei / was auch immer erinnern. Auch habe ich keine Fotos von diesem Tag vorzuweisen.

An diesem Abend kamen wir rechtzeitig im Hotel an, so dass die Wirtin sich gezwungen sah, uns zu bewirten. Es gab zwei Gerichte zur Auswahl: Fleisch mit Nudeln und Fleisch mit Kartoffeln. Den Abend verbrachte ich mit einer Flasche Wein mit Schraubverschluß auf dem Balkon meines Zimmers. Da ich keinen Stuhl, keinen Tisch und kein Glas hatte, saß ich in meine Bettdecke gehüllt auf den kalten Fliesen im Mondschein und nutzte den Zahnputzbecher, um mir die Situation zu verschönern. Unterhalb meines Zimmers war der Hinterhof des Hotels und ich beobachtete, wie mehrere sehr teure Autos auf den Hof fuhren. Die Fahrer stiegen aus, wobei sie den Motor laufen ließen und klopften an die Tür, die zur Küche gehörte. Zwischen großen Müllcontainern sprachen sie mit dem Koch, umarmten ihn nach einem kurzen Gespräch und stopften sich danach etwas in die Taschen. Unbehaglich rutschte ich auf dem Boden des Balkons hin und her. Hoffentlich sah niemand zufällig zu mir hinauf. Geräuschlos stand ich auf und kehrte in mein Zimmer zurück. Ich überprüfte, ob ich meine Zimmertür abgeschlossen hatte und legte mich in Jeans und Pullover auf das Bett. Am nächsten Morgen brachte ich noch vor dem Frühstück mein Gepäck zum Bus und saß dann mit gesenktem Blick am Tisch.

Zum Glück verließen wir an diesem Tag den Ort und machten uns auf den Weg nach Mailand. Dort sollten wir uns den Dom ansehen und die Innenstadt kennenlernen. Kurz bevor wir das Ortsschild erreichten, stieg ein junger Mann zu, der sich in verständlichem Deutsch als Student vorstellte, der uns seine Heimatstadt zeigen würde. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt damit, Touristen die schönsten Ecken zu zeigen und konnte mit allerlei Anekdoten zur Geschichte Mailands aufwarten. Er versicherte, Deutschland sei nach Italien das schönste Land der Welt. Höflich lachten wir über seine Scherze und dachten mit Sehnsucht an das zweitschönste Land der Welt.

Die Stadtrundfahrt hatte man, wenn man sie erleben wollte, dazubuchen müssen. Wer das nicht getan hatte, wurde an einer langen, von grauen Gebäuden gesäumten Straße ausgesetzt, mit der Ermahnung, sich 4 Stunden später wieder genau an dieser Stelle zu befinden, sonst würde man nicht an der Rückreise teilnehmen können. Ich hatte mich für das Kultur-Paket entschieden und war gespannt auf die Sightseeing-Tour durch Mailand. Leider hatten wir durch einen Stau einige Verspätung, so dass der Student seinen Plan, uns die schönsten Ecken seiner Heimatstadt zu zeigen, nicht in die Tat umsetzen konnte. Er musste nämlich pünktlich mit dem Zug zurückfahren und eine weitere Busladung Touristen in Empfang nehmen.

Wo, warum und wann behielt er für sich. Der Bus hielt auf einem großen Platz vor einem Park und öffnete mit einem lauten Zischen die Türen. Der Busfahrer ermahnte auch uns, das wir uns 2 Stunden später wieder einzufinden hätten, da er seine Ruhepausen auf der Rücktour sonst nicht einhalten könnte, wenn wir nicht auf die Minute pünktlich abfahren würden. Ich sah mich nach dem Fremdenführerstudenten um und sah gerade noch seine roten Haare in der Masse verschwinden. Im Galopp machten wir uns daran, ihm zu folgen. Ohne auf uns zu achten, schrie er seine Informationen über Mailand in die Umgebung und legte ein Tempo an den Tag, dass es mir unmöglich machte, Fotos zu schießen. Keuchend standen wir nach 30 Minuten vor dem Dom und ich bekam gerade noch etwas über den speziellen Marmor mit, der zum Bau verwendet worden war. Andere spannende Dinge, die der junge Mann über das Gebäude zu berichten wusste, gingen im Straßenlärm unter. Nach einem Vortrag von 20 Sätzen verabschiedete er sich, um seinen Zug rechtzeitig zu erreichen. Verunsichert starrten wir Reisenden uns an: hatte irgendjemand auf den Weg geachtet um zurück zu finden? Der Student hatte beim Gehen vage in eine Richtung gedeutet und uns Mut gemacht, dass wir in dieser Richtung den Park und den Bus, der davor wartete schon finden würden. Niemand hatte großes Interesse, sich den Dom von innen anzusehen und so gingen wir mit vor Panik weichen Beinen durch die Straßen Mailands und versuchten, den Blick auf die Uhr zu meiden. Endlich kam uns die Straße bekannt vor, und wir entspannten uns etwas. Auf unserem Rückweg fanden wir die Filiale eines Schnellrestaurants und beschlossen, dass wir uns die Zeit nehmen sollten, wenigstens die Toilette zu besuchen. Die Örtlichkeit war überfüllt mit wunderhübschen Mädchen, die allesamt große Taschen und dürre Beine hatten. Anscheinend suchte man diesen Ort nicht auf, um zu tun, was die Natur verlangte, sondern um sich das MakeUp zu erneuern. Wer sich aus unserer Gruppe traute, schob sich an den Damen der Modewelt vorbei und versuchte so leise wie möglich, sich der überschüssigen Flüssigkeit des eigenen Körpers zu entledigen.

Nach 3 Minuten standen wir wieder auf der Straße und zählte durch: 12 Personen waren hineingegangen, 12 herausgekommen. Niemand fehlte. Die Stimmung unserer Gruppe hob sich und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit machte sich breit. Wir würden uns nicht im Stich lassen, was mir mit meinem angeborenen Talent, im unpassenden Moment verloren zu gehen, sehr entgegen kam. So hielt ich mich immer in der Mitte der Gruppe auf und fühlte mich zuversichtlich, binnen 24 Stunden wieder zu Hause zu sein. Tatsächlich erreichten wir den Bus 10 Minuten vor Abfahrt, außer Atem aber glücklich. Als ich auf meinem Sitz niedersank, beschloss ich, erst wieder einen Fuß nach draußen zu setzen, wenn wir Mailand weit, weit hinter uns gelassen hätten.

Die restlichen Reisenden standen, als hätten sie sich niemals einen Meter bewegt, an der Straße und jubelten, als der Bus an der Straße hielt. Die erste Station auf dem Rückweg war die Grenze zur Schweiz. Die Grenzer waren freundlich, wohl auch weil wir uns überschwenglich an der Übersichtlichkeit der Umgebung freuten und eine Begeisterung über die Sauberkeit der Raststätte an den Tag legten, die an Verzückung grenzte. Wir deckten uns mit Schokolade aus dem Shop der Tankstelle ein und kletterten zur Weiterfahrt wieder in den Bus. Auch wenn wir die Pause schätzen, wir hatten ein Ziel und das wollten wir schnellstmöglich erreichen. Langsam senkte sich die Nacht über die Welt und im Bus wurde es bis auf einzelne Schnarchlaute ruhig.

Kaum hatten wir die deutsche Grenze passiert, stieg ein weiterer Busfahrer zu, der seinen Kollegen ablöste, damit wir keine weiteren Pausen aus Rücksicht auf seine Ruhezeiten machen mussten. Inzwischen zählte ich Kilometer: Ulm, Würzburg, noch 300 Kilometer, noch 200, 100...am frühen Morgen erreichten wir unseren Bahnhof. Die Sonne ging gerade auf und ließ den Schlafsand in unseren Augen glitzern. Eine halbe Stunde nach der Ankunft lag ich in meinem Bett und überlegte, was ich mitnehmen wollte, wenn ich meine Freunde in Holland besuchte. Drei Tage später machte ich mich auf den Weg nach Den Haag. Mit dem Bus.

 

Bis demnächst

8.9.13 13:34


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Hollywood im Hinterland

Dort, wo ich aufgewachsen bin, gibt es mehr Nutzvieh als Einwohner. Ein paar Bauernhöfe, Scheunen und vereinzelte Häuser, verteilt um ein uraltes Herrenhaus der heruntergekommenen Burg im Wald. Alle Wege führen nach Rom, aber keiner zu uns. So lautet das heimliche Motto unserer Fahne. Wenn wir denn eine hätten.

Der Unterhaltungswert dieses Lebens besteht aus der Arbeit auf dem Feld, dem Haushalt und der Aufzucht des Nachwuchses. Tiere ebenso wie Kinder. Am Ende der Stromversorgung zu leben, zog in den Sechzigern und Siebzigern noch häufige Ausfälle mit sich, so dass es kaum verwundern dürfte, dass Geschwister selten als Pärchen auftraten, sondern vielmehr in Kleingruppen. Die unter 18Jährigen stellte für viele Jahre den größten Teil der Bevölkerung unseres Dorfes dar.

Das hatte zur Folge, dass unsere Geburtstagsfeiern nicht selten zu Volksfesten ausarteten und den jeweiligen Müttern einiges abverlangten. Neben der Organisation, dem Kuchenbacken und der Nudelsalatherstellung forderten wir Kinder auch ein ausgefeiltes Programm mit Partyhüten, Wunderkerzen, einem Pony und Attraktionen, die ihresgleichen suchten. Bekommen haben wir Schnitzeljagden durch den Wald und Kreide.

Hatte man im Winter Geburtstag, erweiterte sich das Angebot auf einen Ausflug mit Schlitten, die vom Trecker durch den Wald gezogen wurden. Ich hatte den Frühling im Datum und lockte meine Freunde jedes Jahr mit naturkundlichen Wanderungen durch den heimischen Forst. Aber, immerhin, duch die Vielzahl der Geburtstage feierten wir alle zwei bis drei Wochen. Der Geburtstags-Reigen begann pünktlich am 01. Januar, wenn unsere Eltern noch die Nachwirkungen des Silvesterfestes kurierten.

An einem dieser Neujahrstage saßen wir bei Kuchen und Kakao zusammen und bedauerten lebhaft, dass das schlechte Wetter und die Kopfschmerzen unserer Eltern, der Feier einen klaren Rahmen vorgaben: ein besinnlicher Geburtstag sollte es sein, mit flüsternd gesungenen Segenswünschen, Plastikbesteck auf Papptellern und der Teilnahme an einem Malwettbewerb vom Regionalfernsehen.

Der Sender hatte den Kindern nur eine Vorgabe gemacht: jeder sollte malen, wie und wo er lebte. Kaum lag das weiße Papier vor uns, legten wir los. Grüne, braune und schwarze Stifte zur Darstellung unserer Umwelt, mehr brauchen wir nicht. Bis einer von uns etwas ausrastete und begann, aufzumalen, was er sich für die Zukunft wünschte. Einen Kiosk im Dorf. Inspiriert von dieser Vorstellung begannen wir, unserer Fantasie freien Lauf zu lassen. Ein wahrer Farb- und Ideenrausch kam über uns und gestaltete den Nachmittag sehr unterhaltsam. 

Als wir nach Verzehr des Nudelsalates nach Hause gingen, dachte niemand mehr an die Bilder, die, um dem Abendessen Platz zu machen, auf dem Schreibtisch im Büro zwischengelagert worden waren. Als der Postbote das nächste Mal klingelte, wurden die Bilder eiligst für den Weg zum Sender eingetütet und ab da dachte erst recht niemand mehr an unsere Kunstwerke. Nach einem knappen halben Jahr, kurz vor unserer Einschulung, rief ein Redakteur des Senders an und erkundigte sich höflich, ob man die Kinder, die allesamt beim Malwettbewerb mitgemacht hätten, für die Regionalnachrichten filmen dürfe. Wir Kinder waren begeistert: wir würden ins Fernsehen kommen! Unsere Eltern stellten zuerst eine Bedingung: nur, wenn die Filmerei den Arbeitsablauf der beginnenden Ernte nicht stören würden, dürfte der Nachwuchs ins Fernsehen. Der Verantwortliche des Senders versprach, niemandem im Weg zu stehen und nur 'ein paar kurze Aufnahmen' für den Beitrag der Lokalnachrichten zu machen. Wir gerieten außer Rand und Band, die Karriere auf der Leinwand war in greifbarer Nähe! Da waren wir uns sicher...

Einige Zeit später fuhren mehrere Autos und ein Kleintransporter durch unser Dorf auf der Suche nach der Adresse des Absenders. Wie Erdmännchen verteilt standen wir im Gelände und beobachteten, was geschah. Ein gellender Pfiff, der sonst nur Mitarbeit im Kuhstall verhieß, rief uns auf den Hof unseres Freundes, damit die Filmcrew sich ein Bild von uns machen konnte. Unsere Gruppe bestand aus 10 Kindern im Alter zwischen 6 bis 12 Jahren aus drei Familien.

Nachdem der Redakteur sich vorgestellt hatte, befragte er uns, wo und was wir denn so den lieben langen Tag spielen würden. Wir zählten auf: zwischen den Heuballen, auf den Dachböden der Kuhställe, auf  den Wiesen, zwischen den Höfen, im Wald, am Bach, unsere Vorschläge waren vielfältig und, wie wir fanden außergewöhnlich spannend. Der Redakteur entschied schließlich, uns beim Bau weiterer Tunnel auf einem Heuboden zu filmen. Zähneknirschend gab ein Bauer sein Einverständnis und so begannen wir, schon vorhandene Tunnel und Gänge weiter auszubauen. Das Ergebnis des Vormittags stellte die Filmfritzen, wie wir sie nannten, nicht recht zufrieden.Ab und zu reckten wir die Köpfe zwischen den Heu - und Strohballen heraus, winkten fröhlich in die Kamera und verschwanden wieder. Leider selten im richtigen Moment.  So gab es nur Filmmaterial von uns, auf dem wir dumpf zu hören aber nicht zu sehen waren. In der Luft tanzten Staubpartikel in DinA 4 Größe und ließen zusätzlich kaum erkennen, wo wir uns befanden.

Als einer der Kameramänner sich tapfer mit seiner Ausrüstung in die Gänge begeben wollte, traf er dort auf den Hofhund, der steckengeblieben war. Kameramann und Hund wurden in einer Aktion, die schnelle Reaktion und noch schnelleres Handeln verlangte, gerettet. Mit Rücksicht auf die angeschlagene Psyche des Mannes machte man sich daran, einen anderen Drehort zu finden.

Nach einigen Überlegungen beschloss man, den Parkplatz des alten Herrenhauses zu nutzen. Im Hintergrund lag ein als Teich getarnter Sumpf, in dessen Mitte auf einer kleinen Insel ein morscher, alter Baum stand. Ein schmaler Steg, über den man die Insel erreichen konnte, rundete das Bild ab. Wir brauchten nur noch fröhlich durch die Kameraaufnahmen zu laufen und zu spielen. Das taten wir dann auch und bewiesen, das Angst nur etwas war, das anderen zustieß. Einer von uns unterschätzte das Verhältnis von Körpergewicht und Haltbarkeit des morschen Baumes. Mit spitzem Schrei und voller Wucht landete er im Morast. Während wir lachend im Gras lagen, immerhin hatten wir aufgepasst und gesehen, dass er weich gelandet war, rannten die Erwahsenen zeternd durch den Schlick und zogen ihn heraus. Nach seiner Grundreinigung wurden wir auf einen alten Leiterwagen verfrachtet und sollten interviewt werden. Der Wagen stand unweit des Baches und diente nur noch der Dekoration. Wer von uns nicht mehr darauf Platz fand, stellte sich daneben, hockte sich davor oder ging aus dem Bild. Wir ignorierten die Regeln der Gesprächsdisziplin und redeten durcheinander, sobald der Redakteur mit seinen Fragen begonnen hatte. Der wollte wissen, was es für Tiere gab, was wir so den ganzen Tag über spielten. Irgendwann hielten sie die Kamera nur noch drauf und ließen uns reden. 

Als wir anboten, ihnen auch die Burgruine zu zeigen, winkten sie freundlich ab und sagten mit mattem Lächeln in der Stimme, dass das gedrehte Material sicher reichen würde, daraus einen schönen Beitrag zu schneiden. Mit dem Versprechen an unsere Eltern, wegen des Sendetermins "durchzurufen", kletterten sie in die Autos und fuhren ab. Lange hing der Staub, den ihre Reifen aufgewirbelt hatten, noch in der Luft.

Wir benahmen uns in der Zeit bis zu unserem großen Fernsehauftritt wie Würstchenfleisch: wir drehten völlig durch. Stundenlang hockten wir im gemütlichen Dammerlich unserer Geheimgänge und redeten über eine beginnende Fernsehkarriere. Der große Tag kam, und das ganze Dorf saß mit Brause, Bier und Knabbereien vor den Fernsehern. Unsere Aufregung hatte uns so Überspannt, dass niemand auf die einleitenden Worte des Moderators achtete. Jedenfalls niemand von uns Kindern. Mit Jubelschreien sahen wir uns beim Spielen zu und konnten uns kaum beruhigen. Wir würden berühmt werden! Jahrelang zehrten wir von diesem Erlebnis. Es hing über unsere Kindheit wie ein Zauber: welche ausgefallenen Persönlichkeiten würden sich aus uns entwickeln, wenn wir schon in jungen Jahren solches Talent, im malen und schauspielern, zeigten? Wann immer das Gespräch darauf kam, waren Erinnerungen und Begeisterung gleich: Wir waren gefilmt worden, weil wir so toll malen konnten. 

Der eine, weil er so detailreich einen Kiosk malte, wo es keinen gab. Der nächste, weil er als einziger in seiner Altersklasse Menschen beim verrichten von Tätigkeiten malte. Wir fühlten uns (zumindest manchmal) mit diesem Teil unserer Vergangenheit heldenhaft.

Bis zu dem Tag vor ein paar Monaten. Wir saßen in der Sonne, lachten, erinnerten uns und wollten alle den Film gerne noch einmal sehen. Gemeinsam hockten wir uns mit Bier, Brause und Knabberzeug vor den Fernseher und schoben die Videokassette in den Recorder. Unsere Vergangenheit entrollte sich vor uns und gab dann den Blick auf die ungeschminkte Wahrheit frei. Der Moderator erklärte dem geneigten Publimkum, wen es da gleich zu sehen bekäme: das Dorf, das mit seinen Einsendungen zum Malwettbewerb die höchsete Beteiligung gezeigt hätte. Weil es so ungewöhnlich war, dass 10 Kinder aus einem Dorf teilgenommen hätten, machten sich Redakteur und Kamerateam auf den Weg und waren sehr erstaunt, wie klein das Dorf gewesen sei, aus dem die meisten Einsendungen gekommen waren. Stille breitete sich vor dem Fernseher aus. Bis einer maulte: 'einen Kiosk haben wir immer noch nicht.'

Danach kramte die Mutter unseres Freundes grinsend Papier und Stifte hervor und meinte, sie hätte gehört, da gäbe es wieder einen Wettbewerb. Ob wir nicht Lust hätten..? 

 

Bis demnächst

 

 

30.8.13 13:00


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