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Hollywood im Hinterland

Dort, wo ich aufgewachsen bin, gibt es mehr Nutzvieh als Einwohner. Ein paar Bauernhöfe, Scheunen und vereinzelte Häuser, verteilt um ein uraltes Herrenhaus der heruntergekommenen Burg im Wald. Alle Wege führen nach Rom, aber keiner zu uns. So lautet das heimliche Motto unserer Fahne. Wenn wir denn eine hätten.

Der Unterhaltungswert dieses Lebens besteht aus der Arbeit auf dem Feld, dem Haushalt und der Aufzucht des Nachwuchses. Tiere ebenso wie Kinder. Am Ende der Stromversorgung zu leben, zog in den Sechzigern und Siebzigern noch häufige Ausfälle mit sich, so dass es kaum verwundern dürfte, dass Geschwister selten als Pärchen auftraten, sondern vielmehr in Kleingruppen. Die unter 18Jährigen stellte für viele Jahre den größten Teil der Bevölkerung unseres Dorfes dar.

Das hatte zur Folge, dass unsere Geburtstagsfeiern nicht selten zu Volksfesten ausarteten und den jeweiligen Müttern einiges abverlangten. Neben der Organisation, dem Kuchenbacken und der Nudelsalatherstellung forderten wir Kinder auch ein ausgefeiltes Programm mit Partyhüten, Wunderkerzen, einem Pony und Attraktionen, die ihresgleichen suchten. Bekommen haben wir Schnitzeljagden durch den Wald und Kreide.

Hatte man im Winter Geburtstag, erweiterte sich das Angebot auf einen Ausflug mit Schlitten, die vom Trecker durch den Wald gezogen wurden. Ich hatte den Frühling im Datum und lockte meine Freunde jedes Jahr mit naturkundlichen Wanderungen durch den heimischen Forst. Aber, immerhin, duch die Vielzahl der Geburtstage feierten wir alle zwei bis drei Wochen. Der Geburtstags-Reigen begann pünktlich am 01. Januar, wenn unsere Eltern noch die Nachwirkungen des Silvesterfestes kurierten.

An einem dieser Neujahrstage saßen wir bei Kuchen und Kakao zusammen und bedauerten lebhaft, dass das schlechte Wetter und die Kopfschmerzen unserer Eltern, der Feier einen klaren Rahmen vorgaben: ein besinnlicher Geburtstag sollte es sein, mit flüsternd gesungenen Segenswünschen, Plastikbesteck auf Papptellern und der Teilnahme an einem Malwettbewerb vom Regionalfernsehen.

Der Sender hatte den Kindern nur eine Vorgabe gemacht: jeder sollte malen, wie und wo er lebte. Kaum lag das weiße Papier vor uns, legten wir los. Grüne, braune und schwarze Stifte zur Darstellung unserer Umwelt, mehr brauchen wir nicht. Bis einer von uns etwas ausrastete und begann, aufzumalen, was er sich für die Zukunft wünschte. Einen Kiosk im Dorf. Inspiriert von dieser Vorstellung begannen wir, unserer Fantasie freien Lauf zu lassen. Ein wahrer Farb- und Ideenrausch kam über uns und gestaltete den Nachmittag sehr unterhaltsam. 

Als wir nach Verzehr des Nudelsalates nach Hause gingen, dachte niemand mehr an die Bilder, die, um dem Abendessen Platz zu machen, auf dem Schreibtisch im Büro zwischengelagert worden waren. Als der Postbote das nächste Mal klingelte, wurden die Bilder eiligst für den Weg zum Sender eingetütet und ab da dachte erst recht niemand mehr an unsere Kunstwerke. Nach einem knappen halben Jahr, kurz vor unserer Einschulung, rief ein Redakteur des Senders an und erkundigte sich höflich, ob man die Kinder, die allesamt beim Malwettbewerb mitgemacht hätten, für die Regionalnachrichten filmen dürfe. Wir Kinder waren begeistert: wir würden ins Fernsehen kommen! Unsere Eltern stellten zuerst eine Bedingung: nur, wenn die Filmerei den Arbeitsablauf der beginnenden Ernte nicht stören würden, dürfte der Nachwuchs ins Fernsehen. Der Verantwortliche des Senders versprach, niemandem im Weg zu stehen und nur 'ein paar kurze Aufnahmen' für den Beitrag der Lokalnachrichten zu machen. Wir gerieten außer Rand und Band, die Karriere auf der Leinwand war in greifbarer Nähe! Da waren wir uns sicher...

Einige Zeit später fuhren mehrere Autos und ein Kleintransporter durch unser Dorf auf der Suche nach der Adresse des Absenders. Wie Erdmännchen verteilt standen wir im Gelände und beobachteten, was geschah. Ein gellender Pfiff, der sonst nur Mitarbeit im Kuhstall verhieß, rief uns auf den Hof unseres Freundes, damit die Filmcrew sich ein Bild von uns machen konnte. Unsere Gruppe bestand aus 10 Kindern im Alter zwischen 6 bis 12 Jahren aus drei Familien.

Nachdem der Redakteur sich vorgestellt hatte, befragte er uns, wo und was wir denn so den lieben langen Tag spielen würden. Wir zählten auf: zwischen den Heuballen, auf den Dachböden der Kuhställe, auf  den Wiesen, zwischen den Höfen, im Wald, am Bach, unsere Vorschläge waren vielfältig und, wie wir fanden außergewöhnlich spannend. Der Redakteur entschied schließlich, uns beim Bau weiterer Tunnel auf einem Heuboden zu filmen. Zähneknirschend gab ein Bauer sein Einverständnis und so begannen wir, schon vorhandene Tunnel und Gänge weiter auszubauen. Das Ergebnis des Vormittags stellte die Filmfritzen, wie wir sie nannten, nicht recht zufrieden.Ab und zu reckten wir die Köpfe zwischen den Heu - und Strohballen heraus, winkten fröhlich in die Kamera und verschwanden wieder. Leider selten im richtigen Moment.  So gab es nur Filmmaterial von uns, auf dem wir dumpf zu hören aber nicht zu sehen waren. In der Luft tanzten Staubpartikel in DinA 4 Größe und ließen zusätzlich kaum erkennen, wo wir uns befanden.

Als einer der Kameramänner sich tapfer mit seiner Ausrüstung in die Gänge begeben wollte, traf er dort auf den Hofhund, der steckengeblieben war. Kameramann und Hund wurden in einer Aktion, die schnelle Reaktion und noch schnelleres Handeln verlangte, gerettet. Mit Rücksicht auf die angeschlagene Psyche des Mannes machte man sich daran, einen anderen Drehort zu finden.

Nach einigen Überlegungen beschloss man, den Parkplatz des alten Herrenhauses zu nutzen. Im Hintergrund lag ein als Teich getarnter Sumpf, in dessen Mitte auf einer kleinen Insel ein morscher, alter Baum stand. Ein schmaler Steg, über den man die Insel erreichen konnte, rundete das Bild ab. Wir brauchten nur noch fröhlich durch die Kameraaufnahmen zu laufen und zu spielen. Das taten wir dann auch und bewiesen, das Angst nur etwas war, das anderen zustieß. Einer von uns unterschätzte das Verhältnis von Körpergewicht und Haltbarkeit des morschen Baumes. Mit spitzem Schrei und voller Wucht landete er im Morast. Während wir lachend im Gras lagen, immerhin hatten wir aufgepasst und gesehen, dass er weich gelandet war, rannten die Erwahsenen zeternd durch den Schlick und zogen ihn heraus. Nach seiner Grundreinigung wurden wir auf einen alten Leiterwagen verfrachtet und sollten interviewt werden. Der Wagen stand unweit des Baches und diente nur noch der Dekoration. Wer von uns nicht mehr darauf Platz fand, stellte sich daneben, hockte sich davor oder ging aus dem Bild. Wir ignorierten die Regeln der Gesprächsdisziplin und redeten durcheinander, sobald der Redakteur mit seinen Fragen begonnen hatte. Der wollte wissen, was es für Tiere gab, was wir so den ganzen Tag über spielten. Irgendwann hielten sie die Kamera nur noch drauf und ließen uns reden. 

Als wir anboten, ihnen auch die Burgruine zu zeigen, winkten sie freundlich ab und sagten mit mattem Lächeln in der Stimme, dass das gedrehte Material sicher reichen würde, daraus einen schönen Beitrag zu schneiden. Mit dem Versprechen an unsere Eltern, wegen des Sendetermins "durchzurufen", kletterten sie in die Autos und fuhren ab. Lange hing der Staub, den ihre Reifen aufgewirbelt hatten, noch in der Luft.

Wir benahmen uns in der Zeit bis zu unserem großen Fernsehauftritt wie Würstchenfleisch: wir drehten völlig durch. Stundenlang hockten wir im gemütlichen Dammerlich unserer Geheimgänge und redeten über eine beginnende Fernsehkarriere. Der große Tag kam, und das ganze Dorf saß mit Brause, Bier und Knabbereien vor den Fernsehern. Unsere Aufregung hatte uns so Überspannt, dass niemand auf die einleitenden Worte des Moderators achtete. Jedenfalls niemand von uns Kindern. Mit Jubelschreien sahen wir uns beim Spielen zu und konnten uns kaum beruhigen. Wir würden berühmt werden! Jahrelang zehrten wir von diesem Erlebnis. Es hing über unsere Kindheit wie ein Zauber: welche ausgefallenen Persönlichkeiten würden sich aus uns entwickeln, wenn wir schon in jungen Jahren solches Talent, im malen und schauspielern, zeigten? Wann immer das Gespräch darauf kam, waren Erinnerungen und Begeisterung gleich: Wir waren gefilmt worden, weil wir so toll malen konnten. 

Der eine, weil er so detailreich einen Kiosk malte, wo es keinen gab. Der nächste, weil er als einziger in seiner Altersklasse Menschen beim verrichten von Tätigkeiten malte. Wir fühlten uns (zumindest manchmal) mit diesem Teil unserer Vergangenheit heldenhaft.

Bis zu dem Tag vor ein paar Monaten. Wir saßen in der Sonne, lachten, erinnerten uns und wollten alle den Film gerne noch einmal sehen. Gemeinsam hockten wir uns mit Bier, Brause und Knabberzeug vor den Fernseher und schoben die Videokassette in den Recorder. Unsere Vergangenheit entrollte sich vor uns und gab dann den Blick auf die ungeschminkte Wahrheit frei. Der Moderator erklärte dem geneigten Publimkum, wen es da gleich zu sehen bekäme: das Dorf, das mit seinen Einsendungen zum Malwettbewerb die höchsete Beteiligung gezeigt hätte. Weil es so ungewöhnlich war, dass 10 Kinder aus einem Dorf teilgenommen hätten, machten sich Redakteur und Kamerateam auf den Weg und waren sehr erstaunt, wie klein das Dorf gewesen sei, aus dem die meisten Einsendungen gekommen waren. Stille breitete sich vor dem Fernseher aus. Bis einer maulte: 'einen Kiosk haben wir immer noch nicht.'

Danach kramte die Mutter unseres Freundes grinsend Papier und Stifte hervor und meinte, sie hätte gehört, da gäbe es wieder einen Wettbewerb. Ob wir nicht Lust hätten..? 

 

Bis demnächst

 

 

30.8.13 13:00
 
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