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Unterwegs durch Europa

Da die Schwester einer Bekannten gerne an Gewinnspielen teilnimmt, bin ich eines Tages kostengünstig an eine Reise durch Österreich, Italien und die Schweiz gekommen.

Es war eines dieser Gewinnspiele, bei denen man ankreuzen muß, welche der drei Antworten richtig ist. WENN man die richtige Antwort weiß, steht als Ergebnis ein Buchstabe da, welchen man dann, ebenfalls in richtiger Reihenfolge, in Kästchen eintragen muss. Wenn alles klappt, kommt ein Wort dabei heraus. "Wein", "Urlaub" oder auch ein exotischer Ländername wie Dänemark. Je nach Schwierigkeitsgrad des Rätsels.

Die Schwester war ungewöhnlich erfolgreich bei der Ausübung ihres Hobbys. Neue Bettwäsche wurde nicht gekauft, sondern gewonnen. Leider hatte sie beim Ausfüllen des letzten Gewinnspiels nicht darauf geachtet, dass im gleichen Zeitraum die Konfirmation ihres Sohnes anstand. Ich persönlich kann jedes Gewinnspiel bedenkenlos mitmachen, außer stündlichen Informationsanrufen zwischen 17-21Uhr habe ich noch nie etwas gewonnen. Da ich Zeit hatte, wurde ich beauftragt, an der gewonnenen Reise teilzunehmen. Eine Bustour quer durch Europas schönste Städte und Landstriche. So klingende Namen wie Seiser Alm, Mailand und Zürich standen in der Reisebeschreibung. Reiseunerfahren wie ich bin, hat mich das Programm: knapp 2500 Kilometer in 4 Tagen mit Besichtigungen, Einkaufsbummeln und dem kennenlernen verschiedener Kulturen (Südtirol und die Kastelruther Spatzen, den Mailänder Dom, die malerische Alpenlandschaft von Norditalien)  nicht stutzig gemacht. Außerdem freute ich mich über einen Tapetenwechsel, ganz gleich, wohin es ging.

Mit gepacktem Rucksack (was braucht man schon für vier Tage?) standen wir am Bahnhof und warteten gemeinsam mit den anderen Gewinnern auf den Bus. Meine Freundin hielt bis zum Einstieg die Hand ihres Mannes, umringt von den drei halbwüchsigen Kindern. Ich stand daneben und wippte aufgeregt mit den Füßen. Nachdem Gepäck und Reisende im Bus verstaut waren, ging die Reise los. Verwandte, Bekannte und zufällig vorbeikommende Passanten winkten uns hinterher und waren froh, nach Hause gehen zu können. Wenige Minuten nach der Abfahrt erreichten wir die Autobahn und bekamen die ersten Sehenswürdigkeiten zu Gesicht.

Die Gegend neben der Autobahn quer durch Deutschland besticht durch den Blick auf Mischwälder, Groß - und Kleinstädte mit Hinweisschildern auf Sehenswürdigkeiten abseits der Autobahn und in regelmäßigen Abständen aufgebauten Raststätten. Am Ende des ersten Tages hatten wir Südtirol erreicht und wurden in einem Hotel zwischengelagert. Das Hotel stand in der Mitte eines Autobahnkreuzes und war mit einem großen Parkplatz, viel mediterranem Flair und deutschsprachigen Angestellten ausgestattet. Da die meisten Mitglieder unserer Reisegruppe schon vor längerer Zeit den 60. Geburtstag gefeiert hatten, dauerte das Aussteigen länger als die Fahrt von München nach Bozen. Lautes Knacken von Knochen hing in der Luft, als ich endlich an der Reihe war auszusteigen. Zum Durchatmen blieb keine Zeit, wir wurden von einem Reiseführer und seiner Assistentin im großen Aufenthalts / Frühstücksraum des Hotels erwartet. Mit einem kurzen aber bunten Programm stimmte man uns auf die kommenden Genüsse der Reise ein. Ein Diavortrag zeigte uns, wo wir alles gewesen sein würden nach Ablauf der Reisezeit. Der Reiseführer, ein stark gebräunter Mann mit viel God an Handgelenk und Hals, hüpfte zwischen den Tischen an denen wir saßen herum und weckte mich immer wieder auf.

Nach dieser Einführung in die Genüsse, denen wir in den nächsten Tagen begegnen sollten, wurden wir eiligst wieder in den Bus gebeten. Mit dem Versprechen auf ein frühes Abendessen fuhr der Bus in Richtung Sospirolo auf die Autobahn. Es war etwa 16 Uhr, als wir zwischen Steilwänden in verschiedenen Grautönen durch die Landschaft unsere Reise fortsetzten. Das Hotel, das der Veranstalter für uns gebucht hatte, lag auf einem sehr hohen Berg in einem Dorf, das aus drei Häusern und einem Kiosk bestand. Wir erreichten unser erstes Ziel gegen 23 Uhr und wurden von der Besitzerin begüßt, die uns mit grimmiger Mine mitteilte, das es jetzt nicht mehr möglich sei, uns Nahrung zu Verfügung zu stellen. Wir begaben uns auf unsere Zimmer und wuschen uns den grobkörnigen Staub vom Gesicht. Wer dann noch Kraft hatte, nagte am mitgebrachten Proviant und sah sich im Fernseher an, ob die Welt sich weiterdrehte. Ich rollte mich im Bett zusammen und bekam einen akuten Anfall von Hospitalismus.

Der nächste Morgen begann mit einem liebevoll zurechtgemachten Frühstück, bestehend aus einem Brötchen, zwei Scheiben Schinken, einer Scheibe Käse und einer Tasse Kaffee. Wer wollte, hatte die Möglichkeit, sich ein Glas Leitungswasser zum Schnäppchenpreis von 2 Euro zu bestellen. Nach dem Frühstück hatten wir die Gelegenheit, den Vormittag nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Die Busse in die nächste Stadt fuhren regelmäßig einmal am Tag aus der Ortschaft hinaus und einmal hinein. Also vergnügten wir uns mit Spaziergängen, die wir allerdings nur rund um das Areal des Hotels abhielten, aus Angst uns zu verlaufen. Am Nachmittag fuhren wir mit dem Bus wieder durch die Landschaft, auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten. Falls wir etwas fanden, habe ich nicht aufgepasst, denn ich kann mich an keine Kirche/ Museum / Mosterei / was auch immer erinnern. Auch habe ich keine Fotos von diesem Tag vorzuweisen.

An diesem Abend kamen wir rechtzeitig im Hotel an, so dass die Wirtin sich gezwungen sah, uns zu bewirten. Es gab zwei Gerichte zur Auswahl: Fleisch mit Nudeln und Fleisch mit Kartoffeln. Den Abend verbrachte ich mit einer Flasche Wein mit Schraubverschluß auf dem Balkon meines Zimmers. Da ich keinen Stuhl, keinen Tisch und kein Glas hatte, saß ich in meine Bettdecke gehüllt auf den kalten Fliesen im Mondschein und nutzte den Zahnputzbecher, um mir die Situation zu verschönern. Unterhalb meines Zimmers war der Hinterhof des Hotels und ich beobachtete, wie mehrere sehr teure Autos auf den Hof fuhren. Die Fahrer stiegen aus, wobei sie den Motor laufen ließen und klopften an die Tür, die zur Küche gehörte. Zwischen großen Müllcontainern sprachen sie mit dem Koch, umarmten ihn nach einem kurzen Gespräch und stopften sich danach etwas in die Taschen. Unbehaglich rutschte ich auf dem Boden des Balkons hin und her. Hoffentlich sah niemand zufällig zu mir hinauf. Geräuschlos stand ich auf und kehrte in mein Zimmer zurück. Ich überprüfte, ob ich meine Zimmertür abgeschlossen hatte und legte mich in Jeans und Pullover auf das Bett. Am nächsten Morgen brachte ich noch vor dem Frühstück mein Gepäck zum Bus und saß dann mit gesenktem Blick am Tisch.

Zum Glück verließen wir an diesem Tag den Ort und machten uns auf den Weg nach Mailand. Dort sollten wir uns den Dom ansehen und die Innenstadt kennenlernen. Kurz bevor wir das Ortsschild erreichten, stieg ein junger Mann zu, der sich in verständlichem Deutsch als Student vorstellte, der uns seine Heimatstadt zeigen würde. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt damit, Touristen die schönsten Ecken zu zeigen und konnte mit allerlei Anekdoten zur Geschichte Mailands aufwarten. Er versicherte, Deutschland sei nach Italien das schönste Land der Welt. Höflich lachten wir über seine Scherze und dachten mit Sehnsucht an das zweitschönste Land der Welt.

Die Stadtrundfahrt hatte man, wenn man sie erleben wollte, dazubuchen müssen. Wer das nicht getan hatte, wurde an einer langen, von grauen Gebäuden gesäumten Straße ausgesetzt, mit der Ermahnung, sich 4 Stunden später wieder genau an dieser Stelle zu befinden, sonst würde man nicht an der Rückreise teilnehmen können. Ich hatte mich für das Kultur-Paket entschieden und war gespannt auf die Sightseeing-Tour durch Mailand. Leider hatten wir durch einen Stau einige Verspätung, so dass der Student seinen Plan, uns die schönsten Ecken seiner Heimatstadt zu zeigen, nicht in die Tat umsetzen konnte. Er musste nämlich pünktlich mit dem Zug zurückfahren und eine weitere Busladung Touristen in Empfang nehmen.

Wo, warum und wann behielt er für sich. Der Bus hielt auf einem großen Platz vor einem Park und öffnete mit einem lauten Zischen die Türen. Der Busfahrer ermahnte auch uns, das wir uns 2 Stunden später wieder einzufinden hätten, da er seine Ruhepausen auf der Rücktour sonst nicht einhalten könnte, wenn wir nicht auf die Minute pünktlich abfahren würden. Ich sah mich nach dem Fremdenführerstudenten um und sah gerade noch seine roten Haare in der Masse verschwinden. Im Galopp machten wir uns daran, ihm zu folgen. Ohne auf uns zu achten, schrie er seine Informationen über Mailand in die Umgebung und legte ein Tempo an den Tag, dass es mir unmöglich machte, Fotos zu schießen. Keuchend standen wir nach 30 Minuten vor dem Dom und ich bekam gerade noch etwas über den speziellen Marmor mit, der zum Bau verwendet worden war. Andere spannende Dinge, die der junge Mann über das Gebäude zu berichten wusste, gingen im Straßenlärm unter. Nach einem Vortrag von 20 Sätzen verabschiedete er sich, um seinen Zug rechtzeitig zu erreichen. Verunsichert starrten wir Reisenden uns an: hatte irgendjemand auf den Weg geachtet um zurück zu finden? Der Student hatte beim Gehen vage in eine Richtung gedeutet und uns Mut gemacht, dass wir in dieser Richtung den Park und den Bus, der davor wartete schon finden würden. Niemand hatte großes Interesse, sich den Dom von innen anzusehen und so gingen wir mit vor Panik weichen Beinen durch die Straßen Mailands und versuchten, den Blick auf die Uhr zu meiden. Endlich kam uns die Straße bekannt vor, und wir entspannten uns etwas. Auf unserem Rückweg fanden wir die Filiale eines Schnellrestaurants und beschlossen, dass wir uns die Zeit nehmen sollten, wenigstens die Toilette zu besuchen. Die Örtlichkeit war überfüllt mit wunderhübschen Mädchen, die allesamt große Taschen und dürre Beine hatten. Anscheinend suchte man diesen Ort nicht auf, um zu tun, was die Natur verlangte, sondern um sich das MakeUp zu erneuern. Wer sich aus unserer Gruppe traute, schob sich an den Damen der Modewelt vorbei und versuchte so leise wie möglich, sich der überschüssigen Flüssigkeit des eigenen Körpers zu entledigen.

Nach 3 Minuten standen wir wieder auf der Straße und zählte durch: 12 Personen waren hineingegangen, 12 herausgekommen. Niemand fehlte. Die Stimmung unserer Gruppe hob sich und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit machte sich breit. Wir würden uns nicht im Stich lassen, was mir mit meinem angeborenen Talent, im unpassenden Moment verloren zu gehen, sehr entgegen kam. So hielt ich mich immer in der Mitte der Gruppe auf und fühlte mich zuversichtlich, binnen 24 Stunden wieder zu Hause zu sein. Tatsächlich erreichten wir den Bus 10 Minuten vor Abfahrt, außer Atem aber glücklich. Als ich auf meinem Sitz niedersank, beschloss ich, erst wieder einen Fuß nach draußen zu setzen, wenn wir Mailand weit, weit hinter uns gelassen hätten.

Die restlichen Reisenden standen, als hätten sie sich niemals einen Meter bewegt, an der Straße und jubelten, als der Bus an der Straße hielt. Die erste Station auf dem Rückweg war die Grenze zur Schweiz. Die Grenzer waren freundlich, wohl auch weil wir uns überschwenglich an der Übersichtlichkeit der Umgebung freuten und eine Begeisterung über die Sauberkeit der Raststätte an den Tag legten, die an Verzückung grenzte. Wir deckten uns mit Schokolade aus dem Shop der Tankstelle ein und kletterten zur Weiterfahrt wieder in den Bus. Auch wenn wir die Pause schätzen, wir hatten ein Ziel und das wollten wir schnellstmöglich erreichen. Langsam senkte sich die Nacht über die Welt und im Bus wurde es bis auf einzelne Schnarchlaute ruhig.

Kaum hatten wir die deutsche Grenze passiert, stieg ein weiterer Busfahrer zu, der seinen Kollegen ablöste, damit wir keine weiteren Pausen aus Rücksicht auf seine Ruhezeiten machen mussten. Inzwischen zählte ich Kilometer: Ulm, Würzburg, noch 300 Kilometer, noch 200, 100...am frühen Morgen erreichten wir unseren Bahnhof. Die Sonne ging gerade auf und ließ den Schlafsand in unseren Augen glitzern. Eine halbe Stunde nach der Ankunft lag ich in meinem Bett und überlegte, was ich mitnehmen wollte, wenn ich meine Freunde in Holland besuchte. Drei Tage später machte ich mich auf den Weg nach Den Haag. Mit dem Bus.

 

Bis demnächst

8.9.13 13:34
 
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